Tweet des Tages: #Auschwitz

Vor genau 20 Jahren, im Wintersemester 1994/95, belegte ich an der Universität Bamberg das Seminar „Literatur und Holocaust“. Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt. Vom verlorenen Weltvertrauen Jean Amérys. So hieß mein Thema, über das ich als damals 23-Jähriger referierte. Veröffentlicht wurde die Ausarbeitung in dem Sammelbandband „Literatur und Holocaust“ von Claude Conter.

Jean Améry, mit dem ich mich beschäftigte, war Schriftsteller, Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und schließlich Opfer der Nazi-Barbaren. Noch bevor er in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurde, war ihm durch Folterungen das Weltvertrauen genommen worden.

Améry überlebte Auschwitz, bis er sich 1978 das Leben nahm. Seine eindrücklichen Erinnerungen hat er uns in der Essay-Sammlung „Jenseits von Schuld und Sühne“ hinterlassen. Dort verbindet er die Beschreibung konkreter Ereignisse mit Introspektion und Autoanalyse, minuziöse Reflexion mit dem Versuch, das Ungesagte, Unsagbare jenseits der Grenze des logisch Erfassbaren zu erzählen. Eine bittere und melancholische Aufrichtigkeit kennzeichnet Jean Amérys wohlüberlegte Essays.

20 Jahre sind seit meinem Seminar vergangen. Jean Amérys Beschreibungen habe ich seitdem nie wieder vergessen.

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Zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 2015 gibt es vielerorts Gedenkveranstaltungen. Auch in den Medien wird der Befreiung gedacht. Der NDR hat gemeinsam mit der ARD und der Erinnerungsstiftung Auschwitz-Birkenau das Projekt „Auschwitz und ich“ gestartet. Mit der Aktion ruft die ARD auf, für die Arbeit der Erinnerungsstiftung zu spenden und die Gedenkstätte Auschwitz zu besuchen. Die Aktion wird getragen von zahlreichen Sendungen in den TV- und Hörfunkprogrammen der ARD und einer Website.

Mit der Werbeaktion zu diesem Projekt sorgte die ARD für Diskussionen: „#Auschwitz ist für mich: ___________“ steht in einer ARD-Anzeige, die unter anderem in der „Zeit“ und im „Spiegel“ zu sehen ist.

Gedenken mit einem Hashtag auf Twitter? „Auschwitz ist kein Hashtag„, so die Reaktion von Süddeutsche.de. Betroffenheit ließe sich nicht in 140 Zeichen fassen. Das ist die Anzahl an Zeichen, die ein Twitter-Beitrag höchstens enthalten darf.

Muss die Länge eines Beitrags zum Gedenken an Auschwitz tatsächlich etwas mit seiner Qualität zu tun haben? Ja, findet „SZ“-Redakteur Christopher Pramstaller.

Nein, finde ich.

„Auschwitz“ steht als Symbol für viele Konzentrations- und Vernichtungslager, für den Holocaust insgesamt. Von 5,6 Millionen Opfern wurden 1,1 Millionen im Lager Auschwitz-Birkenau ermordet.

Das Social-Media-Phänomen macht heute auch vor Auschwitz nicht halt. Sehr vieles macht mich sprachlos. Besucher der Gedenkstätte inszenieren sich mit Selfies vor den Todeskammern, so wie sie sich vor dem Eiffelturm oder dem Kolosseum knipsen würden. Eine junge Amerikanerin löste mit einem Selfie aus Auschwitz im Sommer 2014 einen Shitstorm aus: Unter dem Namen „Princess Breanna“ postete sie ein Foto von sich – lächelnd an dem Ort, an dem so viele Menschen gequält und getötet wurden. Was man unter Hashtags wie #lookinghotinauschwitz oder #yolocaust findet, ist unerträglich.

Doch muss deshalb jeder Tweet zum Thema Auschwitz unpassend sein? Das Hashtag-Zeichen dient schließlich dazu, Schlagwörter leichter auffindbar zu machen. So lassen sich auch Tweets von Nutzern besser finden, die zu einem wirklichen Gedenken beitragen wollen.

„Die wahnsinnige Untat, die mit dem Namen ‚Auschwitz‘ bezeichnet wird, lässt sich in Wahrheit gar nicht verstehen, sie lässt sich nur berichten“, schrieb schon Dolf Sternberger. Wer aber den Zweck dieser Verrichtung, wer die Ausführung dieses Plans als solche verstehen wollte, der müsste, wie Sternberger es sehr treffend ausdrückte, darüber den Verstand verlieren. Und wer den Verstand nicht zu verlieren imstande ist, der hat dieses Phänomen „Auschwitz“ noch gar nicht eigentlich wahrgenommen.

Auschwitz ist jedoch kein reines Mysterium, worauf die Antworten entweder nur Scham und Verstummen oder Geschmacklosigkeiten und Idiotie dokumentierende Selfies sein könnten. Es ist Menschenwerk, mit dem wir uns auseinanderzusetzen haben – auch in 140 Zeichen. Gleichgültigkeit wäre es, wenn wir uns gerade im digitalen Zeitalter nicht der Auseinandersetzung stellen würden. Hashtags gehören heute zur Erinnerungskultur. Sie sind gerade im Jahr 2015 so wichtig, weil noch  immer mit dem Feuer hantiert wird, das, wie Jean Améry schrieb, „so vielen ein Grab in den Lüften grub“.

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Tweet löst Bildungsdebatte aus

Die 17-Jährige Naina hat mit einem einzigen Tweet einen Nerv getroffen und eine große Diskussion ausgelöst. Bisher wurde dieser Tweet über 15.000 mal retweetet und fast 28.000 mal favorisiert. Die Schülerin hat in einer Woche mehr als 10.000 Follower hinzugewonnen.

Schnell sind die Medien auf Naina und ihre Nachricht aufmerksam geworden. Nahezu alle Medien nahmen diesen Tweet zum Anlass, um darüber zu diskutieren, was Bildung eigentlich leisten muss. Auch Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU), die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne), Lehrer und Professoren äußerten sich zu dem kritischen Tweet.

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Wie auch Franz Nestler in seinem lesenswerten FAZ.net Beitrag bestätigt, erfüllt Naina vieles, was die Medien lieben: Sie ist klug, wortgewandt und sieht gut aus. Was die Medien noch mehr lieben: Wenn Menschen etwas interessant finden. Jeder ist oder war schließlich einmal in der Schule und kann selbst Vergleiche zu seinen eigenen Erfahrungen ziehen. Wird etwas hundertfach oder gar tausendfach geteilt, ist das für jeden Medienmacher und Journalisten ein untrügliches Zeichen dafür, dass das die Menschen bewegt. In einer Zeit, in der Klickzahlen eine starke Währung sind, führt das auch automatisch zu einer Berichterstattung über solche Tweets.

Wie in Situationen hoher und höchster Aufmerksamkeit üblich, schlug der 17-Jährigen auch heftige und zum Teil beleidigende Kritik entgegen. Naina sagte dem Kölner Stadt-Anzeiger, sie habe viele Kommentare erhalten, die weit unterhalb der Gürtellinie lagen. Sie wurde auch kritisiert, weil sie in ihrem ursprünglichen Tweet „Gedichtsanalyse“ geschrieben hatte. Daher gab es auch wenige Tage später ein Update von ihr:

Tweet des Tages: Je suis Charlie

Der Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ sorgt auch auf Twitter für Entsetzen. Die Hashtags  und inklusive eines Bildes sind für viele Twitter-Nutzer zum Zeichen der persönlichen Anteilnahme geworden.

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Anne Hidalgo, die Bürgermeisterin von Paris, schreibt: „Dieses Massaker versetzt unser Land, unsere Stadt und unsere Demokratie in tiefe Trauer.“

Ein Journalist schreibt: „Ich bin Journalist, Franzose, Muslim und #IchbinCharlie“.

Neben der aktuellen Berichterstattung und den Beileidsbekundungen gibt es – erwartungsgemäß – eine Diskussion um Radikalisierung, Terrorismus und die Grenzen von Satire.

Die Arabische Liga verurteilte wie der Großteil aller Muslime den Anschlag „mit Schärfe“. Die Al-Ashar-Universität als wichtige Autorität des sunnitischen Islam beklagte einen „kriminellen Angriff“ und betonte, dass „der Islam jede Gewalt anprangert“.

Viele Nutzer würdigen den Einsatz der Karikaturisten für Presse- und Meinungsfreiheit. Ein Zitat aus einem Werk des britischen Schriftstellers Edward Bulwer-Lytton, „The pen is mightier than the sword„, ist ein häufiger Kommentar.

Im Streit darum, wie weit die Freiheit der Satire gehen soll, äußerte sich Bob Mankoff vom Magazin „New Yorker“ schon vor zwei Jahren. Er veröffentlichte einen kulturell und politisch korrekten Cartoon. Der Cartoon wird jetzt wieder tausendfach geteilt.

Ebenso erwartungsgemäß gibt es in Deutschland auch Reaktionen von Pegida, die den Anschlag für ihre Zwecke nutzen wollen. Die Gegenreaktionen bleiben glücklicherweise nicht aus.